Wie viel Ware braucht dein Laden? Eine pragmatische Faustregel
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Als Faustregel braucht jeder Artikel so viel Bestand, wie du bis zur übernächsten Lieferung verkaufst, plus eine Woche Puffer. In Wochen: Lieferzeit plus Bestellrhythmus plus eine Woche. Ein Olivenöl, das 6-mal pro Woche verkauft wird, in einer Woche kommt und alle zwei Wochen bestellt wird, braucht also höchstens 4 Wochen Vorrat: 24 Flaschen. Mehr ist gebundenes Geld, weniger eine Regallücke mit Ansage.
Rechne in Wochen, nicht in Stück
„Noch 30 Becher“ sagt nichts. Bei 2 Verkäufen pro Woche sind das 15 Wochen, bei 10 pro Woche 3 Wochen. Die Reichweite in Wochen (Bestand geteilt durch Wochenabsatz der letzten 8 bis 12 Wochen) macht jeden Artikel vergleichbar, egal ob er 3 € oder 80 € kostet.
Die Faustregel
Du brauchst pro Artikel den Wochenabsatz, die Lieferzeit (die echte, nicht die aus dem Katalog) und deinen Bestellrhythmus. Daraus:
Höchstbestand = Wochenabsatz × (Lieferzeit + Rhythmus + 1 Woche Puffer). Mehr sollte nach einer Lieferung nicht da sein.
Meldebestand = Wochenabsatz × (Lieferzeit + 1 Woche Puffer). Darunter wird bestellt.
| Artikel | Absatz pro Woche | Lieferzeit | Rhythmus | Höchstbestand | Meldebestand |
|---|---|---|---|---|---|
| Olivenöl Kreta 0,5 l | 6 | 1 Woche | 2 Wochen | 24 Stück | 12 Stück |
| Leinentasche natur | 3 | 2 Wochen | 4 Wochen | 21 Stück | 9 Stück |
| Keramikbecher, Töpferei | 2 | 3 Wochen | 4 Wochen | 16 Stück | 8 Stück |
Das Öl hat nach einer Lieferung höchstens 4 Wochen Reichweite, der handgemachte Becher mit langer Lieferzeit 8. Beides ist richtig. Die Woche Puffer ist bewusst grob: weniger bei sehr gleichmäßigen Artikeln, mehr bei solchen, für die Kunden gezielt kommen. Was eine Lücke dort kostet, steht in Regallücken: Was Ausverkäufe wirklich kosten.
Verlangt der Lieferant eine Mindestmenge, rechne deren Reichweite aus. 24 Gläser Gewürz bei einem Verkauf pro Woche sind fast ein halbes Jahr. Bei haltbarer, kleiner Ware geht das. Bei Frischware oder teuren Artikeln frag nach kleineren Gebinden.
Saison: Nimm das Vorjahr
Die Regel nimmt an, dass die nächsten Wochen wie die letzten laufen. Für Lebkuchen im November stimmt das nicht. Vor und in der Saison nimm dieselben Wochen vom Vorjahr. Prognose-Lehrbücher nennen das die saisonal naive Methode: Die Vorhersage für eine Woche ist einfach dieselbe Woche im Vorjahr (Hyndman & Athanasopoulos). Sie klingt simpel und ist trotzdem der Maßstab, an dem sich aufwendigere Prognosen messen lassen müssen.
Im Advent verkaufen Geschenkläden, Buchhandlungen und Feinkost oft ein Vielfaches einer normalen Woche. Schau auf die Wochen 47 bis 51 im Vorjahr. Ostern und Muttertag sind kurze Spitzen: Die Ware muss vorher da sein. Im Sommer merkt ein Laden in einem Wiener Wohnviertel die Schulferien, während ein Laden am Bodensee oder in Tirol seine besten Wochen hat. Zum Schulanfang brauchen Schreibwarenläden die Ware vorher, und der liegt in Deutschland je nach Bundesland zwischen Ende Juli und Mitte September.
Saisonware, die du nur einmal bestellst, planst du nach dem Vorjahr: 30 Tassen verkauft, 10 übrig? Dann bestell 30, nicht 40. Und leg vorher fest, wann du reduzierst. Was trotzdem übrig bleibt: Tote Ware verkaufen, verschenken, entsorgen.
Der Blick auf den ganzen Laden
Teile deinen Lagerwert zu Einkaufspreisen durch den Wareneinsatz pro Woche. 26.400 € Lager bei 2.200 € Wareneinsatz pro Woche sind 12 Wochen Ware, eine Umschlagshäufigkeit von gut 4 im Jahr. Branchenwerte schwanken stark. Vergleich dich lieber mit dir selbst vom Vorjahr: Steigen die Wochen bei gleichem Umsatz, sammelt sich irgendwo tote Ware.
Klein anfangen
Rechne die Regel zuerst für deine 20 umsatzstärksten Artikel und die 20, in denen am meisten Geld steckt. Bei jeder Bestellung prüfst du dann nur: Unter dem Meldebestand? Bis zum Höchstbestand auffüllen. Darüber? Nicht bestellen, auch wenn der Vertreter gerade da ist.
Quellen
- Hyndman, R. J. & Athanasopoulos, G.: Forecasting: Principles and Practice, 3. Auflage, Kapitel 5.2.